Es gibt über 6.500 verschiedene Sprachen auf der Welt. Doch auf Gomera existiert eine Sprache, die völlig ohne Worte auskommt. „El Silbo“ heißt die melodische Pfeifsprache, mit der sich die Gomeros seit altersher verständigten. Ethnologen gehen davon aus, dass diese Sprache ursprünglich aus dem marokkanischen Atlasgebirge stammt und auf den Kanaren von den Guanchen im 15. Jahrhundert als eine Art Geheimsprache gegen die spanischen Eroberer eingesetzt wurde. Die kanarischen Ureinwohner existieren heute nicht mehr, und auf Teneriffa und El Hierro geriet ihre Pfeifsprache
in Vergessenheit. Auf Gomera jedoch hat El Silbo überlebt, wenngleich heute natürlich auf Spanisch gepfiffen wird. Wer mal reinhören möchte, dem sei die Webseite www.insel-la-gomera.de empfohlen, auf der Silbador Emilio Montesinos Santos pfeifend Grüße nach Deutschland übermittelt.Es gibt nur zwei Vokale und vier Konsonanten, die durch Töne unterschiedlicher Höhe und Länge artikuliert werden. Die Lippen werden beim Pfeifen entweder gespitzt oder mit Hilfe von Zeige- und Mittelfinger in die Breite gezogen. Die zweite Hand vor dem Mund fungiert als eine Art Verstärker und leitet den Schall in die gewünschte Richtung. Das ermöglicht die Verständigung acht bis zehn Kilometer weit über die Schluchten hinweg von Bergrücken zu Bergrücken. El Silbo wurde noch bis Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts von den Bewohnern der Bergdörfer tagtäglich praktiziert. Kein Wunder, wenn man bedenkt, dass die entlegene Region erst in den achtziger Jahren ans Strom- und Telefonnetz angeschlossen wurde. Heute dagegen besitzen auch auf Gomera die meisten Menschen ein Handy. Zudem geraten mit wachsendem Tourismus viele alte Traditionen in Vergessenheit oder werden lediglich noch als Folklore gepflegt. Wie andere archaische Sprachen, so war auch El Silbo fast schon vom Aussterben bedroht, als es 1982 von der UNESCO zum Weltkulturgut erklärt wurde, das es zu bewahren gilt. Daher avancierte die Pfeifsprache 1999 vom Wahlfach an den Grundschulen auf Gomera zum Pflichtfach. Und es gibt Sommerkurse für Touristen!